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<title>Codex canadiensis</title>
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<h1 id="firstHeading" class="firstHeading mw-first-heading"><span class="mw-page-title-main">Codex canadiensis</span></h1>
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<p>Der <b>Codex canadiensis</b> ist eine französische <a href="Manuskript" class="mw-redirect" title="Manuskript">Handschrift</a>, die zwischen etwa 1680 und 1700 entstanden ist und von dem <a href="Jesuiten" title="Jesuiten">Jesuiten</a> <a href="Louis_Nicolas" title="Louis Nicolas">Louis Nicolas</a> (1638–82) stammt. Ihr besonderer historischer, <a href="Ethnologie" title="Ethnologie">ethnologischer</a> und wissenschaftsgeschichtlicher Wert liegt in den 180 <a href="Illustration" title="Illustration">Illustrationen</a>, die zahlreiche Pflanzen und Tiere darstellen, vor allem aber die <a href="Indianer" title="Indianer">Indianer</a>, ihre <a href="T%C3%A4towierung" title="Tätowierung">Tätowierungen</a>, ihre Wasserfahrzeuge und Werkzeuge. Da der Verfasser ein besonderes Augenmerk auf Genauigkeit und Vergleich legte, bietet er in beinahe modern-wissenschaftlicher Art und Weise Einblicke in die <a href="Geschichte_der_First_Nations" title="Geschichte der First Nations">indianische Geschichte</a> und <a href="Ethnologie" title="Ethnologie">Ethnologie</a> des <a href="Neu-Frankreich" class="mw-redirect" title="Neu-Frankreich">Neu-Frankreich</a> des dritten Viertels des 17. Jahrhunderts. Allerdings ist bei der Deutung der Abbildungen zu berücksichtigen, dass sich Nicolas nicht scheute, aus Vorlagenbüchern zu kopieren.<sup id="cite_ref-1" class="reference"><a href="#cite_note-1"><span class="cite-bracket">[</span>1<span class="cite-bracket">]</span></a></sup>
</p><p>Aufbewahrungsort ist das <a href="Gilcrease_Museum" title="Gilcrease Museum">Gilcrease Museum</a> in <a href="Tulsa" title="Tulsa">Tulsa</a>, <a href="Oklahoma" title="Oklahoma">Oklahoma</a>, das den Codex zusammen mit <a href="Library_and_Archives_Canada" title="Library and Archives Canada">Library and Archives Canada</a> und dem <i>Gail and Stephen A. Jarislowsky Institute for Studies in Canadian Art</i> in einer digitalen Ausstellung öffentlich zugänglich gemacht hat.
</p>

<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Entstehung">Entstehung</h2></div>
<p>Der Zeitpunkt der Entstehung ist nicht mit Sicherheit zu ermitteln. Die Erwähnung eines Ereignisses aus dem Jahr 1700 gilt als Nachtrag, da der Codex auf p.&nbsp;23, Zeile 40 eine <i>Histoire naturelle</i> erwähnt, die zu diesem Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach bereits existierte. Außerdem verfasste der Autor eine <i>Grammaire algonquine</i>, eine <a href="Algonkin" title="Algonkin">Algonkin</a>-Grammatik, die allerdings eher eine <a href="Anishinabe" title="Anishinabe">Ojibwa</a>-Grammatik darstellt.<sup id="cite_ref-2" class="reference"><a href="#cite_note-2"><span class="cite-bracket">[</span>2<span class="cite-bracket">]</span></a></sup> Auch hierin zeigt sich der eher sammelnde und weiter verarbeitende Arbeitsstil, den der Verfasser auch im Codex canadiensis an den Tag legt: Er sammelte vorhandene Grammatiken und fügte sie in einer <a href="Kompilation_(Literatur)" title="Kompilation (Literatur)">Kompilation</a> zusammen.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Beschreibung">Beschreibung</h2></div>
<p>Der Codex besteht aus 79 Seiten mit 180 Zeichnungen. Zeichnungen und Beschreibungen wurden teils mit brauner Tinte, teils mit brauner Tinte und Wasserfarbe auf <a href="Pergament" title="Pergament">Pergament</a> ausgeführt. Daher die Empfindlichkeit der Handschrift und die daraus folgende Unzugänglichkeit für die Öffentlichkeit.
</p><p>53 Tafeln sind vor allem für die Naturgeschichte von Bedeutung, denn sie bilden 18 Pflanzen, 67 Säugetiere, 56 Vogel- und 33 Fischarten sowie etwa 10 <a href="Reptilien" title="Reptilien">Reptilien</a>, dazu <a href="Amphibien" title="Amphibien">Amphibien</a> und Insekten ab.
</p><p>Von besonderer Bedeutung sind die Tafeln, die sich den als <i>Amerikaner</i> („<span lang="fr">Ameriquains</span>“) bezeichneten <a href="Ureinwohner" class="mw-redirect" title="Ureinwohner">Ureinwohnern</a>, genauer Mitgliedern von 15 Stämmen („<span lang="fr">nations</span>“) widmen. Darunter findet sich eines der beiden einzigen erhaltenen Porträts von einem Indianer aus Neu-Frankreich. Darüber hinaus werden nur hier die <a href="T%C3%A4towierung" title="Tätowierung">Tätowierungen</a> und Körperbemalungen dargestellt.
</p><p>Die ersten drei Seiten enthalten ein Lob König <a href="Ludwig_XIV." title="Ludwig XIV.">Ludwigs XIV.</a> und des französischen Sieges über Holland im <a href="Devolutionskrieg" title="Devolutionskrieg">Devolutionskrieg</a> von 1667 bis 1668, sowie im Krieg von 1673 bis 1674 gegen das <a href="Heiliges_R%C3%B6misches_Reich" title="Heiliges Römisches Reich">Heilige Römische Reich</a>. Ob die Thronbesteigung <a href="Philipp_V._(Spanien)" title="Philipp V. (Spanien)">Philipps V.</a> von Spanien im Jahr 1700 von anderer Hand nachgetragen worden ist, bleibt unklar. Der erste Herausgeber des Codex, Baron Marc de Villiers, datierte den Codex noch auf die Zeit nach 1700.
</p><p>Der <a href="Widmung" title="Widmung">Widmung</a> folgen 19 Seiten zu den <a href="First_Nations" title="First Nations">First Nations</a>. Dabei übernahm der Verfasser offenbar Stiche aus den <i><span lang="la">Historiae canadensis, seu Novae-Franciae Libri decem</span></i> des Jesuiten François du Creux, die in <a href="Paris" title="Paris">Paris</a> 1664 veröffentlicht worden waren. Daher liegt der besondere Wert von Nicolas’ Arbeit in den hinzugefügten Details. Er ergänzte Tätowierungen, Pfeifen, von denen man sonst meist nur die Köpfe findet, Frisuren und Kleidung sowie Schmuck. So zeigt S. 6 einen Tabak- oder Medizinbeutel, Tomahawks (S. 7 und 9), Schild, Bogen und Pfeile (S. 12). Das genannte Porträt ist das des <a href="Odawa" title="Odawa">Ottawa</a>-Häuptlings Iskouakite, der bei der Missionierung eine wichtige Fördererrolle gespielt hat.
</p><p>Die Seiten 13 bis 19 zeigen im weitesten Sinne Werkzeuge, z. B. Fischfanggeräte, Transportmittel, wie etwa ein <a href="Kayak" title="Kayak">Kayak</a>, Unterkünfte, sogar eine Folterszene, bei der der Verfasser behauptet, selbst anwesend gewesen zu sein. Zudem beschreibt er eine <a href="Irokesen" title="Irokesen">Irokesenmaske</a>, die einer Heilergesellschaft, der <i>False Face Society</i> diente.
</p><p>Schließlich enthält dieser Teil der Handschrift zwei Landkarten, eine von Neu-Frankreich und eine vom oberen <a href="Mississippi_River" title="Mississippi River">Mississippi</a>, ein Gebiet, das der Verfasser „Manitounie“ nennt, in Reverenz an die Entdecker Joliette und Pater Marquette (1673).
</p><p>Der folgende Abschnitt, der sich den Pflanzen der Region widmet, konzentriert sich weniger auf eine Klassifikation, als darauf, welche Pflanzen und Pflanzenteile essbar sind. So stellt er etwa das <a href="Rhizom" title="Rhizom">Rhizom</a> der <i>Sagittaria latifolia</i> (<a href="Pfeilkraut" title="Pfeilkraut">Pfeilkraut</a>) dar. Offenbar waren ihm einige der Pflanzen nicht bekannt, so <a href="Wohlriechende_Seerose" title="Wohlriechende Seerose"><i>Nymphaea odorata</i></a> oder <a href="Knollen-Seerose" title="Knollen-Seerose"><i>tuberosa</i></a>, andere, wie <a href="Mais" title="Mais">Mais</a>, hatten sich als massenhaftes Nahrungsmittel noch gar nicht in Europa durchgesetzt.
</p><p>Auf Seite 27 beginnt ein Abschnitt über Tiere, der mit einem <a href="Tiger" title="Tiger">Tiger</a> (?) und einem <a href="Einhorn" title="Einhorn">Einhorn</a> illustriert ist. Bei diesen Darstellungen ließ sich der Verfasser offenbar von der <i>Historia animalium</i> von <a href="Conrad_Gessner" title="Conrad Gessner">Conrad Gessner</a> (1516–1565) inspirieren. Auf Seite 37 beschreibt er <a href="Biber" title="Biber">Biber</a>, <a href="Otter" title="Otter">Otter</a> und <a href="Robben" title="Robben">Robben</a> als Meeresbewohner, Fischen nicht unähnlich.
Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Vögeln der Region, deren Beschreibung auf Seite 41 beginnt und bis Seite 54 reicht.
</p><p>Auf Seite 55 folgen, der damaligen Tradition verbunden, Ungeheuer, ein Meermann (<a href="Wassermann_(Mythologie)" title="Wassermann (Mythologie)">Nix</a>), ein Frosch mit einem schlangenartigen Schwanz usw.
</p><p>Schließlich folgen Meeresbewohner, die allgemein als Fische galten, auch wenn es Meeressäuger, wie <a href="Wale" title="Wale">Wale</a> waren.
</p><p>Die letzten Seiten sind mit <a href="Jacques_Cartier" title="Jacques Cartier">Jacques Cartiers</a> Schiff (67), mit einem Porträt, einer Art Heiligenfigur, dazu europäischen Tieren gefüllt.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Verschollen_und_wieder_aufgetaucht">Verschollen und wieder aufgetaucht</h2></div>
<p>Der Codex tauchte erst 1930 wieder auf, als der Verlag Maurice Chamonal ein <a href="Facsimile" class="mw-redirect" title="Facsimile">Facsimile</a> unter dem Titel <i>Les Raretés des Indes</i> mit einem Vorwort von Baron Marc de Villiers publizierte, der das Werk Charles Bécart de Granville (1675–1703) zuschrieb. Doch umfasste die Auflage nur 100 Exemplare.
</p><p>1934 tauchte der Codex im Katalog der Librairie Georges Andrieux (nr. 328) auf, als ein unbekannter Käufer das Buch erwarb. Um 1939 soll es bei Kraus in <a href="New_York_City" title="New York City">New York</a> gelandet sein. Er verkaufte es 1949 an Thomas Gilcrease.
</p><p>Thomas Gilcrease (1890–1962) war ein vermögender Mann. Er erwarb den Codex bei <i>Henry Stevens, Son and Stiles</i> in <a href="London" title="London">London</a>. Gilcrease, dem die Regierung der USA Land angeboten hatte, da er als Angehöriger des Stammes der <a href="Cree" title="Cree">Cree</a> (seine Mutter war Cree) Anspruch darauf hatte, hatte aus diesem Land ein beträchtliches Vermögen gezogen. So konnte er 1922 die <i>Gilcrease Oil Company</i> gründen. 1954 gründete er aus eigenen Mitteln das <i>Gilcrease Museum</i>, doch bereits im nächsten Jahr musste er das Museum an die nahe gelegene Stadt <a href="Tulsa" title="Tulsa">Tulsa</a> verkaufen.
</p><p>1974 wurde der Codex erneut (diesmal in <a href="Montreal" title="Montreal">Montreal</a>) publiziert, auch diesmal in einer kleinen Auflage von nur 110 Exemplaren.
</p>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Literatur">Literatur</h2></div>
<ul><li>Meridith Beck Sayre: <i>Gagnon, François-Marc, Nancy Senior and Réal Ouellet – The Codex Canadensis and the Writings of Louis Nicolas</i>, in: Histoire Sociale / Social History 46,91 (2013) 235–236.</li>
<li>Francois-Marc Gagnon, Nancy Senior, Réal Ouelette: <i>The Codex Canadensis and the Writings of Louis Nicolas</i>, McGill-Queen's University Press 2011.</li>
<li>Henry M. Reeves, FrançOis-Marc Gagnon, C. Stuart Houston: <i>Codex canadiensis, an early illustrated manuscript of Canadian natural history</i>, in: Archives of Natural History, 31.1 (2004) 150–166.</li>
<li>Anne-Marie Sioui: <i>Qui est l'auteur du Codex canadiensis?</i>, in: Recherches amérindiennes au Québec 7.4 (1979) 271–279.</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Weblinks">Weblinks</h2></div>
<div class="sisterproject" style="margin:0.1em 0 0 0;"><div class="noresize noviewer" style="display:inline-block; line-height:10px; min-width:1.6em; text-align:center;" aria-hidden="true" role="presentation"><span class="mw-default-size" typeof="mw:File"><span title="Commons"></span></span></div><b><span class=""><a class="external text" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Codex_canadensis?uselang=de"><span lang="en">Commons</span>: Codex canadensis</a></span></b>&nbsp;– Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien</div>
<ul><li><a rel="nofollow" class="external text" href="https://collections.gilcrease.org/object/47267"><i>Codex canadiensis</i> auf der Website v. Gilcrease Museum</a></li>
<li><i>Historiae canadensis, seu Novae-Franciae Libri decem, ad Annum usque Christi MDCLVI. Auctore P. Francisco Creuxio, è Societate Iesu. Parisiis. M. DC. LXIV. [= 1664]</i> (<a rel="nofollow" class="external text" href="https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k1321663.image">gallica.bnf.fr</a>, <a rel="nofollow" class="external text" href="https://books.google.de/books?id=ND2II_n9oHAC">google</a>)</li></ul>
<div class="mw-heading mw-heading2"><h2 id="Anmerkungen">Anmerkungen</h2></div>
<ol class="references">
<li id="cite_note-1"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-1">↑</a></span> <span class="reference-text">Michael Hunter: <i>Printed Images in Early Modern Britain: Essays in Interpretation</i>, Ashgate Publishing, Farnham, Burlington 2010, S. 136–138.</span>
</li>
<li id="cite_note-2"><span class="mw-cite-backlink"><a href="#cite_ref-2">↑</a></span> <span class="reference-text">Sie befindet sich in Paris, fonds américains, doc. 18954.</span>
</li>
</ol></div><!--htdig_noindex--><div><div class="zim-footer">
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